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Der Wanderer über dem Nebelmeer – das wohl bekannteste Bild des Mahlers Caspar David Friedrich und die Ikone der deutschen Romantik schlechthin. Das Besondere und damals Unerhörte: die Rückenfigur. Doch dazu kommen wir noch. Ob das nun Folgende einer kruden Assoziationskette folgt, sich gleichsam in der nebelverhangenen Ferne des Gemäldes sinnlos verliert, möge der geneigte Leser selbst entscheiden. Eine Entschuldigungsstrategie habe ich nicht parat. Ich will nur Content bilden… das SEO-Diktat zwingt mich dazu… Unique Content muss es sein.

Und jetzt wird’s originell, Leute:
Der Digital-Pädagoge (ja, so etwas gibt es) und Philosoph (hat’s immer schon gegeben), Marc Prensky, hat zu Beginn dieser Dekade für bereits Faktisches endlich die richtigen Worte gefunden: Er nannte seinen schon legendär gewordenen Aufsatz über die neuen schönen digitalen Menschen Digital Natives, Digital Immigrants. Eine Zweiteilung, eine Opposition, eine Gegenüberstellung?

Und ja, hier wird so etwas wie eine digital-soziologische Kategorisierung vorgenommen. Wer hat Teilhabe an der alles ergreifenden Digitalisierung, an der Globalisierung von Kommunikation und Informationsaustausch? Wer ist User, wer Loser? Kurzum: es geht um den meist altersmäßig vorgegebenen Grad und Intensität der Aneignung des Digitalen, der digitalen Welt. Können wir dann schon berechtigterweise von einer ‘dSociology’ reden?

Legen wir einstweilen diese Keynote-Abhandlung beiseite und riskieren den Vergleich zu historischen Wanderungsbewegungen, den Völkerwanderungen. Vandalen, Ost- und Westgoten, die Langobarden nicht zu vergessen – sie alle zogen wild umher, wie in einschlägigen Lehrmitteln mit dicken geschwungenen Pfeilen dargestellt. Man erinnert sich, wenn auch schwach und unwillig. Mir jedenfalls hat dieses Kapitel schulischer Geschichtsvermittlung den Ausdruck unsäglicher Langeweile ins Gesicht getrieben. Ein Völker-Kuddelmuddel, ein Wirrwarr umherziehender Gruppen und Stämme. Wir können zumindest festhalten, dass sich die digitale Wanderungsbewegung unter umgekehrten Vorzeichnen vollzieht. Während es in geschichtlichen Kontexten vornehmlich junge Menschen waren, die sich aus Gründen der Diskriminierung, der Verfolgung, der Vertreibung und der Perspektivlosigkeit auf den Weg machten, sind es heute die älteren, nämlich die Klein- und Nicht-User. Auf ihnen lastet der Anpassungsdruck. Hier hinkt die Gegenüberstellung etwas, denn das eine vollzog sich räumlich, das andere vollzieht sich edukativ.

Jetzt – und damit wieder zurück – ist die Situation weitaus übersichtlicher. Die Unterscheidung der Gruppen simpler, da der Plural in seiner Minimalanforderung Anwendung findet. Es geht um die Digital Natives und die Digital Immigrants – und die ersteren bewegen sich erst gar nicht irgendwohin, oder besser: irgendwo rein. Denn sie sind schon drin in der digitalen Ära. Die anderen hingegen werden sich in einem natürlich-historischen Prozess selbst auflösen. Sie sterben aus, sie sterben weg. Stetig, ganz sukzessive, final. Die digital (Hin-) Eingeborenen und die digitalen Einwanderer. Diese eigentümliche Begrifflichkeit hat sich bereits eingebürgert, so wie andere oppositionelle Begriffspaare auch: User und Loser – aber das hatten wir schon.

Ist erstmal die gesellschaftlich-technologische Transformation, die totale Digitalisierung abgeschlossen, wird auch die Zweiteilung ein Ende haben. Ende gut, alles gut? Ja, denn hier geht es ja nicht um die gewaltsame Beanspruchung eines Gebiets oder die Verteidigung lebenswichtiger Ressourcen. Nein, weil es gravierende Konsequenzen für unsere Wahrnehmeung und Umgangsformen haben wird.

Nehmen wir den fixierten Blick eines Teenagers auf sein Smartphone. Selbst zum Gruß wird der Kopf nicht mehr gehoben. Ein kurzer, gepresster Artikulationsversuch der Wahrnehmungsbestätigung – das muss reichen. Smarter Autismus? Auch hier ist die Bezeichnung trefflich und karikierend zugleich: Head down Generation. Warum also noch in die Ferne schweifen (s. Bild), wenn doch die ganze Welt in diesem Ding in meiner Hand liegt… zu liegen scheint?

Szenenwechsel: Eine in Brasilien lebende Freundin, Jahrgang 1932, deren Emigrationshintergrund es mit sich bringt, dass Familie, Freundes- und Bekanntenkreis global verstreut sind, kann via E-Mail und Skype nicht nur ihr Kommunikationsbedürfnis stillen, sondern eine umfassende Teilhabe an Geschehnissen und Entwicklungen realisieren. Wie souverän und versiert sie dabei mit dem ganzen Computerkram umzugehen versteht, nötigt mir den allergrößten Respekt ab. Die digitale Vernetzung als Service an der Menschheit, ein momentum humanitatis?

Hier halten wir inne.