leviathan_illustration

Die Welt ist eine Google. Diese Aussage – so amüsant sie sich auch ausnehmen mag – hat es gewaltig in sich. Die Gleichsetzung mit unserem Globus gibt deutlich Auskunft über die Search-Allmacht, die informationelle Allgewalt dieses Digitalmonsters.

Facebook, Twitter und andere Social Media wollen uns glauben machen, dass eine zeitgemäße Kommunikation nebst Mitteilungsästhetik ohne sie nicht läuft. Sie fressen unsere Privatheit, die wir ihnen freiwillig ausliefern. Intimität verlegt sich absurderweise in den virtuellen Raum und wird dort begierig ausgewertet. Sag uns Deine Dessous-Präferenz und wir geben Dir den besten E-Kauftipp zum Höschen. Deal?

Google ein Leviathan? Eine ordnende, ausgleichende Institution? Mitnichten, denn der gesellschaftliche Mehrwert ist eher mäßig bis zweifelhaft. Als der Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert das biblische Ungeheuer neu erschuf, um es in einem aufklärerischen Kontext wirken zu lassen, war die Ambivalenz von Ordnung und Macht einerseits, Partizipation und Schutz vor Willkür andererseits konzeptuell angedacht. Es ging um einen Gesellschaftsvertrag zwischen oben und unten, von weltlichen und geistlichen Belangen. Alles auf rein rationalen Grundlagen.

Der Leviathan unserer Tage aber ist ein digitaler Dienstleister, der nie uneigennützig denkt und handelt. Sein Gebaren nach außen ist das eines Gebenden, eines Dienenden. Suchmaschine. Der Begriff search (suchen) erfährt dabei eine subtile Doppelbödigkeit: Gesucht wird vom User, wonach auch immer – akribisch-algorithmsich von Google über den User. Für den gemeinen Sucher ist das Ganze sogar kostenlos. Ein Geben und Nehmen. Nur in welcher Qualität? Service provider und Spymaster? Es gibt Alternativen. Doch die sollte jeder für sich entdecken und sein eigenes Ermittlungsmanagement entwickeln.

Zurück zu Leviathan. Gewiss: Ein Gesellschaftsmodell, vor 350 Jahren ersonnen, bietet keine direkten Vergleichsparameter. Es ist vielmehr das Spiel mit der Metapher, der Illustration, das sich anbietet. Und Hobbes war ein Streiter für rationale und faire Bedingungen des Miteinanders. Davon kann man sich immer eine Scheibe abschneiden.

Supranational – supra-alles. Eine derart einflussreiche und manipulative Instanz hat es in der Kulturgeschichte noch nicht gegeben. Sie, die digitale Riesenkrake, ist auf dem ungeheuerlichen Weg, alles und jeden zu umfassen und kommerziell auszusaugen. Langsam regt sich – national wie multinational – Widerstand und Juristen erkennen den dringenden Regulierungsbedarf im Umgang mit dem vermeintlichen Search-Monopolisten (in Deutschand 97% aller Internetnutzer).

Das jüngst ergangene EuGH-Urteil weist in die richtige Richtung. Das “Recht auf Vergessen”, das sich jedoch zunächst in der praktischen Rechtssprechung bewähren und profilieren muss, gibt dem User ein Stück informationelle Selbstbestimmung zurück, nämlich eine Löschbestimmung. Das Selbstverständnis von Google wird sich dadurch nicht wunderlich ins Selbstlos-teilende wandeln, eine offene Akzeptanz in Sachen Mitbestimmung ist nicht zu erwarten. Ganz, alles, pan, omni, all – das ist der Stoff und der Anspruch, aus dem die Google ist.

Manchen geht es auch nicht schnell und exklusiv genug. Sie bedrohen den freien, allgemeinen und gleichberechtigten Zugang zum Netz. Die Beibehaltung der Netzneutralität ist der Lackmustest eines grunddemokratisch verfassten Internets.

Google Inc. ist in den Vereinigten Staaten ansässig, ein Land, das wie kein zweites die Demokratie wie eine Monstranz vor sich herträgt. Nur vor dem Firmenportal in Mountain View (Santa Clara County) wacht heimlich der Leviathan…

Den Firmensitz habe ich übrigens gegoogelt. Leviathan got me.