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Wo waren wir… ah ja: Bei einem (vermeintlichen) momentum humanitatis in der Digitalisierung unseres sozialen Lebens, einer Teilhabe am globalisierten Austausch mit keinem und jedem. Nun, das möge sich jeder selbst beantworten.

Die digitale Revolution mir ihren immer neuen und sich immer rasanter vollziehenden Nachrevolutionen fordert manch analogen Geist nicht nur heraus, nein, sie lässt einige wenige aus dieser technologischen Evolution aussteigen. Verweigerer. Kurioserweise sind stockkonservative, sind beispielsweise ultraorthodoxe Menschen mit ihrer notorischen Ablehnung alles Modernen, nicht darunter. Sie sehen die Möglichkeiten von Verbreitung und Selbstdarstellung, spielen mit allen Kanälen, die Digital-Technologien bereitstellen. Wir wollen das nicht und tun es doch. Auch eine scheinbar weltvergessene Lebensweise mit rigoroser Abgrenzungstendenz hat ihre Berührungspunkte, ihren digitalen Geltungszwang. Wie war das mit der Rückenfigur (siehe Abbildung)? Abgewandt mit Maus in der Hand? Die Pose wäre dann so zu verstehen: Der digitalen Welt abgewandt und dennoch von ihr gefangen.

Die durchdigitalisierte Lebenswirklichkeit schleicht sich ins öffentliche Leben. Wo wir sind haben wir meist so ein Handy-Ding dabei, das uns sekundenschnell ein- und vernetzt. Die Gegenwartsrezeption ist nicht mehr nur körperlich – sie hat eine dauerhaft technische Begleitung bekommen. Vermeintlich smart soll sie sein, sagen uns die Produzenten dieser handlichen Digital-Monstranzen.

Ästhetik – altgriechisch aisthēsis – bedeutet Wahrnehmung. Wahrnehmung ist nicht mehr nur wir selbst mit unserem Sensorium, wir allein, unser Körper, rein und ganz human… nein, wir sind connected, vernetzt, zeitsynchron woanders und im anderen. Lokalisierbar, quasi unter Beobachtung von Freund und Fei… wem auch immer. Technisch daueradaptiert an Events, Gruppen, Kreise. Wir sind hier – aber können auch überall sein, an jedem Punkt verortbar, global allerwärts (auf-) greifbar.

Und Bildung ist schon längst keine analoge Insel mehr. Die didaktische „Kreidezeit“ ist vorbei! Auch wenn das pädagogische Beharrungspotenzial hierzulande mal wieder stärker ist als im Rest der Welt: wir sind unzweifelhaft im „Digitalikum“ angekommen. Was wir uns aus dem Netz holen, ist bereits durch filter bubbles vorselektiert. Der Wissenserwerb ist einer Fragmentierung unterworfen. Wie sieht es damit aus? Die auf Bücher basierte Wissensvermittlung (die analoge – wenn man so will) wird peu à peu durch eine digitale abgelöst. Eine ungeheure Bruchstelle der sogenannten abendländischen Geschichte mit seinen literaturbasierten Religionen. Der traditionelle Gelehrte ist ein auslaufender Kulturtypus, mithin ein Kulturcharakter, dem unweigerlich die Karikierung des Antiquierten bevorsteht. Die virtuelle Aneignung von Wissen und Information verdrängt systematisch das physisch-dingliche Lernen. Der Nerd, der obsessive, vor dem Screen vereinsamte Computerfreak, ist einer seiner Nachfolger. Er ist schon eine Karikatur.

Eine weitere Frage, die sich der Digital Walker verunsichert stellt: Hat mit der durchdigitalisierten Lebenswirklichkeit Verfall und Ende des öffentlichen Lebens einen weiteren Schub bekommen? Richard Sennett, der vielleicht wichtigste Soziologe der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, hat diesen Trend hinreichend beschrieben, noch bevor das Internet sein allumspannendes Netz auswarf. Droht die totale Vereinzelung des Menschen vor dem Screen – wie groß er auch sein mag? Die digitale Intimität: Ich, 0 und 1? Die Community ein Trug von Gemeinsamkeit, von Gesellschaft? Auch da gibt es Chancen, fernab vom Flashmob, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren und unmittelbaren Einfluss auszuüben. Soziale Medien erzwingen sich Gehör im etablierten Polit-Treiben. Spontan und sehr konkret. Aktivisten gläserner Virtualität leaken den Übelmännern und Geheimniskrämern die Wahrheit von der Festplatte.

Die ‘Digitale Soziologie’ scheint ein zu großes Wort, was auch nie von Prensky beansprucht wurde. Die Veränderung jedenfalls ist von unglaublicher Wucht und einschneidender, als manch bahnbrechende Erfindung. Die Folgen von noch nicht überschaubaren Ausmaßen. Die evolutionär gewaltigste Umwälzung allemal! Das steht fest.

Und die Macht – nein besser: die Allmacht der imperialen Digitalmonster (Google, Facebook und Co.) ist in unser Bewusstsein noch nicht voll eingedrungen. Doch das ist ein anderes Thema.

Um eine Anleihe zu wagen: iGods… vielleicht.